Lesbarkeit
Eine der Methoden, mit denen Menschen ihren Bildungsstand demonstrieren, ist die Verwendung eines umfangreichen Wortschatzes. Zweifellos zeugt mehrsilbige Eloquenz von Gelehrsamkeit, doch sie macht Texte ausgesprochen schwer lesbar. Ist ein Text zu schwer verständlich, sinkt die Wahrscheinlichkeit drastisch, dass ihn jemand bis zum Ende liest.
Lesbarkeit ist ein Maß dafür, wie leicht oder schwer es für andere ist, das von Ihnen Geschriebene zu erfassen. Zur Messung der Lesbarkeit dienen vor allem zwei Verfahren: der Flesch-Reading-Ease-Test und der Flesch-Kincaid-Grade-Level-Test. Beide Tests nutzen das Verhältnis von Wörtern zu Sätzen sowie das Verhältnis von Silben zu Wörtern, um die Lesbarkeit schriftlicher Inhalte zu bewerten. Texte mit kurzen Sätzen und kurzen Wörtern werden dabei als leicht lesbar eingestuft, während Texte mit langen Sätzen und komplexen Wörtern als schwer lesbar bewertet werden.
Beispielsweise gilt der Satz „The cow ate a cake“ als sehr leicht lesbar. Der Satz „The voluptuous bovine greedily ingested a delectably frosted confectionary“ gilt hingegen als ausgesprochen schwer lesbar.
Das Ergebnis des Flesch-Reading-Ease-Tests ist ein Wert zwischen 0 und 100: Je höher der Wert, desto leichter ist der Text zu lesen; je niedriger der Wert, desto schwerer die Lesbarkeit. Der Flesch-Kincaid-Grade-Level-Test gibt das entsprechende Bildungsniveau an – wobei ein Leseniveau der 5. Klasse als leicht verständlich gilt und das Niveau eines Universitätsabschlusses als am schwersten zu lesen eingestuft wird.
Um auf unser vorheriges Beispiel zurückzukommen: „The cow ate a cake“ erreicht einen Reading-Ease-Wert von 117 und ein Grade-Level von -1,8, was bedeutet, dass bereits ein Kindergartenkind den Satz verstehen kann. „The voluptuous bovine greedily ingested a delectably frosted confectionary“ erzielt einen Reading-Ease-Wert von -46 und ein Grade-Level von 22 – hierfür wäre rein rechnerisch eine Promotion erforderlich.
Um den Lesbarkeitswert eines eigenen Textes zu ermitteln, genügt es, den Text in einen Online-Rechner für Flesch Reading Ease oder Flesch-Kincaid Grade Level einzufügen; viele Tools berechnen beide Werte simultan. Zudem verfügen Textverarbeitungsprogramme wie Microsoft Word über integrierte Lesbarkeitsanalysen.
Als allgemeine Faustregel gilt: Wenn Sie möchten, dass Ihre Texte für ein breites erwachsenes Publikum leicht verständlich sind, sollten Sie ein Leseniveau anstreben, das etwa der 8. oder 9. Klasse entspricht. Beim Verfassen von Texten für geschäftliche Zielgruppen dürfen Sie das Niveau etwas höher ansetzen, sollten jedoch die 10. Klasse nicht überschreiten.
Die Ausnahme von dieser Regel bildet branchenspezifischer Fachjargon eines Berufsfelds, eines Fachbereichs oder einer bestimmten Problemdomäne. Zwar schneidet Fachterminologie bei Lesbarkeitstests meist schlecht ab, ist jedoch für Personen, die mit den oft komplexen Begriffen vertraut sind, mühelos verständlich.
Beispielsweise verwenden Juristen Fachbegriffe wie „Jurisprudenz“, „Entlastungsbeweis“, „Feststellungsurteil“, „Beweisbeschluss“ oder „Habeas Corpus“. Für ein allgemeines Publikum sind diese Ausdrücke schwer zugänglich, in der juristischen Praxis stellen sie jedoch präzise Standardbegriffe dar.
Bei der Entscheidung über den Lesbarkeitsgrad Ihrer Texte sollten drei Aspekte stets im Gleichgewicht gehalten werden: die Erfüllung der medialen Erwartungen, die Angemessenheit für das behandelte Thema und die Anpassung an die Schreibkultur Ihrer Organisation.
Generell steigen die formalen Anforderungen an die Lesbarkeit vom Kurznachrichtenformat über E-Mails bis hin zu offiziellen Dokumenten stetig an.
Da Textnachrichten meist eilig mit den Daumen getippt werden, genügt den meisten Empfängern ein simples „Trefft uns unten“ vollkommen – anstelle von „Unsere geschätzten Kollegen mögen sich unverzüglich im Zwischengeschoss einfinden“.
Geschäftliche E-Mails sind formeller gehalten, werden jedoch häufig unterwegs auf dem Smartphone überflogen; ihr Leseniveau sollte daher etwa der 8. Klasse entsprechen.
Geschäftsdokumente repräsentieren sowohl Sie als Fachkraft als auch Ihr Unternehmen. Sie sollten daher in der Regel mindestens auf dem Niveau der 10. Klasse formuliert sein und können je nach inhaltlicher Komplexität durchaus auch das Niveau der 12. Klasse erreichen.
Wenngleich diese Richtwerte nicht starr sind, bieten sie eine verlässliche Orientierung – und bewahren beispielsweise davor, einen Quartalsbericht mit „Wir waren super“ zu betiteln.
Auch das Thema bestimmt den angemessenen Lesbarkeitsgrad: Informelle, leichtere Inhalte verlangen naturgemäß nach einem niedrigeren Sprachniveau als formelle, ernste Themenkomplexe.
So kann eine Gratulations-E-Mail an einen Kollegen zum Gewinn des Kostümwettbewerbs durchaus auf dem Niveau einer 5. Klasse verfasst sein, während die Ankündigung umfassender Kostensenkungsmaßnahmen mindestens auf dem Niveau der 10. Klasse liegen sollte.
Die Abstimmung der Lesbarkeit auf den Gegenstand ist entscheidend: Ein unangemessen elaborierter Wortschatz und verschachtelte Satzstrukturen wirken auf Kollegen schnell herablassend, bringen Ihnen den Ruf eines Wichtigtuers ein oder erwecken den Eindruck, Sie wollten sich künstlich profilieren. Um diese Fallstricke zu vermeiden, wählen Sie stets das für das Thema erforderliche Mindestmaß an Komplexität.
Um sich an die Schreibkultur Ihrer Organisation anzupassen, müssen Sie die Texte Ihrer Kollegen analysieren, um das erwartete durchschnittliche Niveau für jedes Medium und Thema zu erfassen.
In einem Technologie-Startup liegt das durchschnittliche Niveau interner E-Mails womöglich auf dem Niveau der 6. Klasse, während bei einem multinationalen Finanzinstitut eher das Niveau der 12. Klasse üblich ist. Bei einem Spielwarenhersteller ist das Mitarbeiterhandbuch eventuell auf dem Niveau einer 6. Klasse formuliert, bei einem Rüstungszulieferer hingegen auf dem einer 12. Klasse.
Wenn Sie neu in einem Unternehmen sind, ist es ratsam, möglichst viele bestehende Textbeispiele eingehend zu studieren. So entwickeln Sie ein Gespür dafür, was angemessen und üblich ist – denn Sie möchten bei einem Spielzeughersteller weder zu distanziert noch in einem Finanzinstitut zu lax auftreten.
Indem Sie die Lesbarkeit Ihrer Texte gezielt auf das Medium, das Thema und die Schreibkultur Ihrer Organisation abstimmen, erzielen Sie in informellen Situationen einen nahbaren, offenen und freundlichen Ton – und bei formellen Anlässen einen durchdachten, fundierten und professionellen Stil. Auf diese Weise überzeugt Ihr Profil nicht durch bloße Wortakrobatik, sondern durch die Souveränität, mit der Sie Ihren Schreibstil präzise auf maximale Wirkung im jeweiligen Kontext ausrichten.