Verletzlichkeit
Damit aus einer Gruppe von Menschen ein echtes Team wird, muss jedes Mitglied lernen, den anderen zu vertrauen. Damit andere uns vertrauen, müssen sie das Gefühl haben, sich in unserer Gegenwart emotional verletzlich zeigen zu können. Damit wir anderen vertrauen, müssen auch wir spüren, dass wir uns ihnen gegenüber verletzlich zeigen dürfen. Darin liegt ein Paradoxon: Vertrauen erfordert Verletzlichkeit, doch Verletzlichkeit setzt Vertrauen voraus. Wie können wir zu einem Team werden, dessen Mitglieder einander vertrauen, ohne verletzlich zu sein – und wie können wir uns sicher genug fühlen, verletzlich zu sein, bevor überhaupt Vertrauen aufgebaut wurde?
Fehlt in einem Team das gegenseitige Vertrauen seiner Mitglieder, handelt es sich lediglich um eine organisatorische Zuweisung von Personal zu einer Gruppe, die mit derselben Aufgabe betraut ist. Angesichts von Widrigkeiten wird ein solches Team zerbrechen, da sich die Mitglieder eher auf den individuellen Erfolg als auf den Erfolg der Gruppe konzentrieren. Dieser Bruch führt dazu, dass das Ganze nicht mehr größer ist als die Summe seiner Teile: Statt eines Teams existiert lediglich eine Ansammlung von Einzelkämpfern.
Hat eine Gruppe jedoch gelernt, einander zu vertrauen, beginnt sie, wechselseitig Stärken zu nutzen und Schwächen auszugleichen. Zugewiesene Ziele werden nicht länger als bloße Unternehmensvorgaben betrachtet, sondern als gemeinsame Teamziele; der Schwerpunkt verlagert sich vom individuellen Erfolg zum Teamerfolg. Das ist genau die Art von Team, die jedes moderne Unternehmen anstrebt und benötigt – doch dieses Maß an Vertrauen aufzubauen, ist anspruchsvoll.
Um Vertrauen und Verletzlichkeit zu fördern, haben viele Organisationen versucht, ein emotional „sicheres“ Arbeitsumfeld zu etablieren. Obwohl dieses Ziel gut gemeint ist, lässt sich emotionale Sicherheit in der Praxis nicht durch organisatorische Richtlinien verordnen.
Damit ein Arbeitsumfeld wahrhaft emotional „sicher“ wäre, dürfte kein Mitarbeiter negative Konsequenzen befürchten müssen, wenn er sich verletzlich zeigt. Einer solchen Utopie stehen in der realen Welt jedoch zwei nahezu unüberwindbare Hindernisse entgegen: Erstens können Unternehmen nicht vollständig kontrollieren, wie ihre Mitarbeiter untereinander kommunizieren. Zweitens haben Unternehmen keinerlei Kontrolle darüber, wie Mitarbeiter auf das Kommunikationsverhalten anderer reagieren – denn emotionale Reaktionen geschehen instinktiv und unterliegen selten bis nie einer direkten Steuerung.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Meeting und entscheiden sich, verletzlich zu sein: Sie teilen offen mit, dass Sie befürchten, die Qualität Ihrer Arbeit entspreche nicht den Standards des Unternehmens. Stellen Sie sich nun vor, ein Kollege reagiert auf diese Offenheit mit einem tiefen Seufzer und verdreht die Augen. Wie würden Sie reagieren? Viele würden diese nonverbalen Signale als Respektlosigkeit werten, sich unmittelbar ärgern und möglicherweise später Traurigkeit empfinden. Was aber, wenn diese Person instinktiv gar nicht auf Sie reagiert hat, sondern auf unrealistische Unternehmensstandards? Was, wenn sie keineswegs respektlos sein wollte, sondern tatsächlich mitfühlte und Unterstützung signalisierte, indem sie andeutete, dass die Standards geändert werden müssten?
Wenn wir weder vollkommen steuern können, was uns seufzen oder die Augen verdrehen lässt, noch kontrollieren können, wie wir reagieren, wenn andere dies tun: Wie können wir dann garantieren, dass ein Arbeitsplatz ein Ort ist, an dem man sich gefahrlos verletzlich zeigen kann?
Wenn wir akzeptieren, dass emotionale Sicherheit in keinem sozialen Gefüge garantiert werden kann – weder im privaten noch im beruflichen Umfeld –, sollten wir den Fokus nicht darauf legen, krampfhaft absolute Sicherheit zu suchen, sondern angemessene Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. In diesem Sinne lässt sich emotionale Sicherheit mit der Sicherheit im Straßenverkehr vergleichen.
Die sicherste Strategie zur Vermeidung von Autounfällen bestünde darin, sich niemals hinter ein Steuer zu setzen – was dem Versuch gleichkäme, sich gegenüber niemandem jemals verletzlich zu zeigen. Eine realistischere Strategie ist es, umsichtig zu fahren und den Sicherheitsgurt anzulegen. Umsichtiges Fahren entspricht dem Respektieren anderer und der berechtigten Erwartung, dass dieser Respekt erwidert wird. Den Sicherheitsgurt anzulegen bedeutet, auf Situationen vorbereitet zu sein, in denen sich jemand respektlos verhält, und bereit zu sein, für sich selbst einzustehen, indem man die Person bestimmt dazu auffordert, ihr Verhalten zu ändern.
Damit Menschen einander vertrauen, bedarf es eines fein abgestimmten Balanceakts: Ein wenig Verletzlichkeit baut ein wenig Vertrauen auf, und dieses Vertrauen ermöglicht wiederum etwas mehr Verletzlichkeit. Sofern die Beteiligten über einen längeren Zeitraum hinweg beständig positive Erfahrungen mit ihrer Verletzlichkeit machen, bauen sie nach und nach ihre Schutzhaltung ab, sobald andere dies ebenfalls tun.
Nehmen wir beispielsweise an, Sie vertrauen einem Kollegen an, dass es Ihnen schwerfällt, sich auf Ihre Arbeit zu konzentrieren, und Sie sich – ganz gleich, was Sie versuchen – immer wieder dabei ertappen, zur Ablenkung auf Ihr Smartphone zu schauen, obwohl Sie wissen, dass Sie arbeiten sollten. Ihr Kollege erwidert darauf: „Das ist völlig in Ordnung, jeder hat von Zeit zu Zeit Konzentrationsschwierigkeiten“, und berichtet anschließend, wie er lernte, fokussiert zu bleiben, indem er Benachrichtigungen während der Arbeitszeit deaktivierte. In diesem Fall haben Sie beide eine positive Erfahrung mit gegenseitiger Verletzlichkeit gemacht. Dies schafft Vertrauen und öffnet die Tür für mehr Offenheit in der Zukunft.
Während Teams daran arbeiten, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, kann es vereinzelt zu Situationen kommen, in denen Personen nicht wissen, wie sie angemessen reagieren sollen, wenn sich ihnen jemand verletzlich zeigt.
Wenn Sie jemandem mitteilen, dass Ihre Augen von der Bildschirmarbeit überanstrengt sind, und die Antwort lautet: „Vielleicht solltest du eine Brille tragen“, wäre das denkbar unpassend. Sie haben nicht um eine augenoptische Beratung gebeten, sondern suchten das geteilte Verständnis eines Teammitglieds.
Solche unbehaglichen Momente sind untrennbar mit authentischer menschlicher Kommunikation verbunden; sie treten gehäuft bei Personen auf, die wenig Erfahrung mit der Dynamik sozialer Gruppen haben. Wenn Sie sich jemandem öffnen und die Reaktion unbeholfen ausfällt, Sie jedoch spüren, dass keine böse Absicht dahintersteckte, sehen Sie nach Möglichkeit darüber hinweg. Solche gelegentlichen Missgeschicke in der Kommunikation kommen immer wieder vor.
Dennoch gilt: Wenn solche Situationen entstehen, sollten wir unsere emotionale Reaktion nicht übergehen, sondern die Gelegenheit nutzen, unsere Empfindungen so respektvoll wie möglich authentisch zu artikulieren. Wenn Sie jemand auf eine Art und Weise kritisiert, die Sie als unpassend empfinden, teilen Sie ihm mit, dass Sie das nicht schätzen. Macht jemand einen Scherz auf Ihre Kosten, der Sie verletzt hat, stellen Sie klar, dass es Sie gekränkt hat und nicht wieder vorkommen soll. Das Zusammenspiel zwischenmenschlicher Beziehungen verlangt, dass sich beide Seiten voll einbringen. Tritt dabei jemand dem anderen auf die Füße, besteht die richtige Reaktion darin, ihm zu helfen, ein besserer Tänzer zu werden – nicht darin, so zu tun, als sei alles in bester Ordnung.