Perspektiven
Die Perspektive eines Menschen ist seine persönliche Interpretation einer Situation, die primär auf seinen individuellen Erfahrungen, Meinungen und Überzeugungen beruht. Wenn wir uns also dazu entschließen, die Perspektive eines anderen abzutun, zu diskreditieren oder zu ignorieren, bringen wir damit faktisch zum Ausdruck, dass dessen Erfahrungen, Meinungen und Überzeugungen bedeutungslos sind.
Jeder Mensch erlebt das Leben anders: Manche taten sich in der Schule schwer, anderen fiel es leicht; manche mussten verschiedene Berufsfelder ausprobieren, um das passende zu finden, andere wussten schon in jungen Jahren, was sie tun wollten; manche wuchsen in einer stabilen, liebevollen Familie auf, die ihre Ziele unterstützte, andere weniger. Dies sind nur einige Beispiele für Erfahrungen, die die Meinung eines Menschen prägen und seine Überzeugungen verfestigen können.
Im Allgemeinen hat jeder Mensch ein Recht auf seine eigene Meinung. Die Formulierung „Sie haben ein Recht auf Ihre Meinung“ wird jedoch häufig als abwertende Replik verwendet, wenn wir jemandem nicht zustimmen. Tatsache ist jedoch, dass in einer freien Gesellschaft jeder ein Recht auf seine eigene Meinung hat. Es steht jedem frei, sich eine Meinung zu bilden und diese so lange zu vertreten, wie er möchte. Eine Gesellschaft, in der bestimmte Meinungen unterdrückt oder verboten werden, wäre keine freie Gesellschaft.
Daraus ergibt sich eine der größten Herausforderungen der modernen Zeit, insbesondere wenn Themen in den Kommentarspalten sozialer Medien debattiert werden. Wenn in einer freien Gesellschaft jeder ein Recht auf seine Meinung hat – was geschieht dann, wenn diese Meinung falsch, spalterisch oder destruktiv ist? Was, wenn eine Meinung so gravierend falsch ist, dass sie gefährlich wird?
Stellen Sie sich vor, Sie und ein völlig Fremder treiben in einem Rettungsboot auf offener See, und die andere Person ist überzeugt, dass das Trinken von Meerwasser sie vor dem Verdursten rettet. Stellen Sie sich nun vor, Sie sind überzeugt, dass das Trinken von Meerwasser ihren Tod durch Dehydrierung herbeiführen wird. Aus der Perspektive des Fremden rettet Meerwasser – aufgrund seines Wassergehalts – das Leben, wenn man Wasser benötigt. Aus Ihrer Perspektive beendet Meerwasser – aufgrund seines Salzgehalts – das Leben, da ein Zuviel an Salz zu schwerer Dehydrierung führt. Wäre es Ihr Ziel, das Leben dieser Person zu retten, müssten Sie sie davon überzeugen, ihre Auffassung zu ändern: von der Annahme, Meerwasser sei trinkbar, hin zu der Einsicht, dass es gefährlich, wenn nicht gar tödlich ist.
Ihr erster Ansatz könnte lauten: „Wenn Sie dieses Salzwasser trinken, sterben Sie.“ Daraufhin trinkt die Person vielleicht einen Schluck aus der Hand und erwidert: „Sehen Sie, ich lebe noch.“ Sie ändern Ihre Argumentation und sagen: „Jeder weiß, dass man vom Trinken von Salzwasser stirbt.“ Die Antwort lautet: „Alle irren sich, denn ich habe gerade Salzwasser getrunken, und es geht mir gut.“ Daraufhin erklären Sie: „Salz erzeugt eine osmotische Reaktion in Ihren Körperzellen, die den Zellen Wasser entzieht. Während Ihre Nieren versuchen, das Salz aus dem Körper zu schwemmen, dehydrieren Sie noch schneller und sterben zügiger, als wenn Sie gar nichts trinken würden.“ Die Entgegnung lautet: „Wenn ich ohnehin sterbe, muss ich wenigstens nicht durstig sterben.“
Darin liegt das zermürbende Dilemma der Kommunikation mit jemandem, der eine andere Perspektive vertritt: Aus seiner Sicht ist seine Perspektive zutreffend – und Sie sind diejenige Person, die im Unrecht ist.
Ein besserer Ansatz besteht darin, den Blickwinkel des Gegenübers einzunehmen, um dessen Perspektive fundiert zu verstehen. Fakt ist: Meerwasser besteht überwiegend aus Wasser, und wer dem Verdursten nahe ist, braucht Wasser. Zudem tötet Meerwasser nicht augenblicklich; ist es also wirklich ein so viel größeres Wagnis, Meerwasser zu trinken, als gar nichts zu trinken? Und schließlich: Ohne ein Team aus vertrauenswürdigen Medizinern und Wissenschaftlern im Boot, das die Hypernatriämie, die Funktion der Nieren und den unausweichlichen Ausgang des Meerwasserkonsums fundiert darlegt, steht für den anderen lediglich Ihre Aussage gegen seine eigene Wahrnehmung. Unterm Strich sind aus seiner Sicht Sie im Unrecht – und versuchen, ihn daran zu hindern, sein eigenes Leben zu retten.
Sobald wir die Situation aus der Perspektive des anderen betrachten können, verstehen wir wesentlich präziser, womit wir es zu tun haben, und können unsere Überzeugungsarbeit weitaus zielgerichteter ansetzen. Unsere Strategie darf kein Frontalangriff sein, um die Meinung des anderen als falsch zu brandmarken; das alleinige Ziel muss sein, ihn vom Trinken des Meerwassers abzubringen.
Statt ihm zu sagen, dass er im Unrecht ist, könnten Sie sagen: „Ich verstehe vollkommen, dass Sie Durst haben; ich habe auch Durst. Wären wir auf einem Süßwassersee, würde ich so viel trinken, wie ich nur kann. Der einzige Grund, warum ich kein Meerwasser anrühre, ist meine Überzeugung, dass es uns schneller umbringt, als wenn wir gar nichts trinken.“
Beachten Sie: Zu keinem Zeitpunkt haben Sie die Perspektive des anderen für ungültig erklärt oder seine Meinung als falsch zurückgewiesen. Das hält ihn deutlich offener dafür, seine Haltung zu überdenken.
Wenn Sie Glück haben, fragt er vielleicht: „Warum glauben Sie, dass es uns umbringt?“ An diesem Punkt können Sie antworten: „Ich habe einmal ein Interview mit jemandem gesehen, der auf See verschollen war. Die Leute, die bei ihm waren, haben Meerwasser getrunken und sind gestorben; er hat überlebt, weil er keines angerührt hat. Er erklärte damals, dass die Nieren beim Trinken von Salzwasser versuchen, das Salz herauszuspülen. Dadurch verliert der Körper noch mehr Flüssigkeit, als wenn man überhaupt nichts getrunken hätte.“
Im besten Fall reicht dies aus, um ihn vom Salzwassertrinken abzuhalten. Sollte das nicht gelingen, bleibt das beste Vorgehen, das Gespräch fortzusetzen, während man die Dinge weiterhin aus seiner Sicht betrachtet – anstatt ihm vorzuhalten, dass seine Meinungen und Überzeugungen falsch seien.
Im Allgemeinen hilft es Ihnen bei der Überzeugungsarbeit in keiner Weise, dem Gegenüber zu sagen, seine Meinung sei falsch, oder dessen Überzeugungen entwerten zu wollen; noch viel weniger wird er sich dadurch Ihrer Gegenposition öffnen. Stattdessen sollten wir versuchen, die Dinge so zu sehen wie er, und innerhalb des Rahmens seines Weltbilds nach Wegen suchen, ihn zum Umdenken zu bewegen. Dieser Ansatz bildet den Kern wirksamer Überzeugungskraft – und Überzeugungskraft ist eine der wertvollsten Fähigkeiten in der gesamten Kommunikation.