Tonalität
Die Tonalität Ihrer schriftlichen Kommunikation vermittelt dem Leser Ihre Haltung – doch wie diese Haltung interpretiert wird, kann sich drastisch von Ihrer eigentlichen Absicht unterscheiden.
Wenn es eine Sache gibt, die man sich bei der schriftlichen Kommunikation merken sollte, dann diese: Alles, was laut ausgesprochen wird, wirkt in geschriebener Form deutlich schärfer.
Wenn Sie beispielsweise jemandem mündlich „Viel Glück“ sagen, wird es höchstwahrscheinlich so ankommen, wie Sie es beabsichtigt haben. Schreiben Sie jedoch dieselben zwei Worte gefolgt von einem Punkt, kann dies bedrohlich wirken – wie in „Viel Glück.“ Steht dahinter ein Ausrufezeichen, können dieselben zwei Worte sarkastisch oder herablassend wirken: „Viel Glück!“
Wenn wir jemandem, der uns direkt gegenübersteht, etwas laut sagen, verfügt unser Gegenüber über eine Fülle kontextueller und nonverbaler Signale, die dabei helfen, den Tonfall des Gesagten richtig einzuordnen. Wenn wir jedoch etwas aufschreiben, entlassen wir unsere Worte in die freie Wildbahn und überlassen die Interpretation der beabsichtigten Tonalität allein dem Leser.
Wenn sich jemand beim Lesen Ihrer Worte fragt: „Was will mir die Person damit eigentlich sagen?“, deutet das oft darauf hin, dass Ihre Tonalität uneindeutig war. Abhängig von der Stimmung, der aktuellen Lebenslage oder der Beziehung zu Ihnen kann das Geschriebene genau wie beabsichtigt aufgefasst werden – oder aber so, wie der Betreffende es gerade empfindet und auslegen möchte.
Man neigt schnell dazu, dieses Phänomen auf Paranoia oder Überempfindlichkeit anderer zurückzuführen. Häufig liegt es jedoch an der Art und Weise, wie die meisten von uns schriftlich kommunizieren. Wenn wir an eine Einzelperson oder ein Team schreiben, stellen wir uns oft vor, wie wir im persönlichen Gespräch vor ihnen stehen – in einem neutralen Rahmen, in dem uns jeder im Grunde versteht. Infolgedessen verfassen wir praktisch ein Transkript dessen, was wir mündlich sagen würden, und setzen dabei fälschlicherweise voraus, dass die beabsichtigte Tonalität auch so ankommt. Das ist ein schwerer Fehler, der verheerende Folgen haben kann.
Nehmen wir an, Sie leiten ein Projekt und möchten eine E-Mail versenden, um dem Team zum Erreichen eines wichtigen Meilensteins zu gratulieren. Nehmen wir an, Sie kennen die Projektmitglieder noch nicht besonders gut und haben kaum Einblick in deren aktuelle Herausforderungen. Nehmen wir zudem an, Sie sind ein hervorragender Redner, haben viel Humor und gewinnen mühelos ein Publikum für sich, das Sie gerade erst kennengelernt haben.
Sie setzen sich also an diese Glückwunsch-E-Mail und beginnen damit, wie stolz Sie auf das Team sind und dass sicher alle erleichtert sind, diesen Meilenstein erreicht zu haben. Anschließend fügen Sie eine Liste von Stichpunkten mit Tipps ein, die sich für Sie in früheren Projekten bewährt haben – einfach als gut gemeinte Hilfestellung. Sie beenden Ihre E-Mail mit einem Witz, der die Bemerkung enthält: „Wir wissen alle, dass nie Zeit ist, es gleich richtig zu machen, aber immer Zeit, es noch einmal zu machen“ – ein Scherz, den Sie bereits vor Live-Publikum erzählt haben und über den alle herzlich lachten. Zum Schluss schreiben Sie: „Viel Glück beim Erreichen des nächsten Meilensteins.“
Sie senden die E-Mail ab, sind zufrieden damit, wie Sie die Leistung des Teams gewürdigt haben, und klopfen sich selbst auf die Schulter, weil Sie glauben, die Moral gestärkt zu haben.
Kurz nach dem Absenden erhalten Sie jedoch Rückmeldungen, dass Ihre E-Mail das Team zutiefst verärgert hat und sich die Mitarbeiter respektlos und von oben herab behandelt fühlen.
Für das Team war Ihre Einleitung bloße Phrasendrescherei, Ihre Stichpunktliste eine Aufzählung all dessen, was sie angeblich falsch gemacht haben, Ihr Witz sarkastisch und verletzend und der Glückwunsch zum Schluss eine kaum verhüllte Drohung. Panisch lesen Sie Ihre E-Mail noch einmal durch und versuchen zu verstehen, was schiefgelaufen ist. Doch in Ihrem Kopf klingt alles völlig in Ordnung, und Sie können beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum das Team verstimmt ist.
Der Fehler lag darin, dass die E-Mail ohne jedes Gespür dafür geschrieben wurde, wie deren Tonalität interpretiert werden könnte. Das Versäumnis bestand darin, schriftliche Kommunikation lediglich als Transkript einer mündlichen Äußerung zu betrachten – anstatt als geschriebenen Text, dessen Tonfall gänzlich der Deutung des Lesers überlassen bleibt.
Im professionellen Kontext sollten Sie in Ihren Texten eine neutrale Tonalität wählen – frei von allem, was als Sarkasmus, Herablassung oder Respektlosigkeit missverstanden werden könnte – und eine verbindliche, klare Sprache verwenden, die Ihre eigentliche Absicht unmissverständlich vermittelt. Als Grundregel gilt: Je weniger Raum Sie für die Interpretation Ihres Tonfalls lassen, desto besser.
Selbst wenn wir uns um einen neutralen Ton bemühen, gibt es typische Fallstricke, in die viele von uns immer wieder tappen. Dabei handelt es sich um Formulierungen, die zwar höflich und respektvoll wirken, oft jedoch als passiv-aggressiv wahrgenommen werden. Dazu gehören Wendungen wie: „Ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn“, „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen“, „Entschuldigen Sie, falls ich mich unklar ausdrücke“, „Ich hoffe, das schafft Klarheit“ und „Nur eine kurze, freundliche Erinnerung“. Widerstehen Sie der Versuchung, solche oder andere vermeintlich höfliche Formulierungen zu verwenden, die leicht als Passiv-Aggressivität ausgelegt werden können.
Ein weiterer Fallstrick beim Versuch, die Tonalität schriftlicher Mitteilungen abzumildern, ist das sogenannte „Lob-Sandwich“ (Compliment Sandwich): eine dreiteilige Struktur, bei der der erste und der letzte Absatz aus Lob bestehen, der mittlere Absatz jedoch Kritik enthält. Diese Methode ist derart verbreitet, dass sie sofort durchschaut wird. Anstatt die Kritik abzufedern, führt sie meist dazu, dass der erste und der letzte Absatz ignoriert werden und sich die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Kritik richtet.
Ein weiterer Fehlgriff besteht darin, Emojis einzusetzen, um den Ton des Geschriebenen abzumildern. In den vergangenen Jahrzehnten mag dies zeitweise funktioniert haben, doch eine verlässliche Richtlinie für professionelle schriftliche Kommunikation lautet: Versuchen Sie niemals, Ihren Tonfall mithilfe von Emojis zu entschärfen.
Wenn Sie eine Nachricht mit einem Smiley-Emoji beenden, kann dieses Emoji – je nach Empfänger – der vorangehenden Aussage einen sarkastischen oder herablassenden Beigeschmack verleihen. Anstelle von „Ich hoffe, das hilft weiter“ liest sich „Ich hoffe, das hilft weiter 😊“ schnell belehrend oder herablassend.
Wer verbindlich und präzise formuliert, Sandwich-Kritik und passiv-aggressive Formulierungen vermeidet und auf Emojis verzichtet, minimiert das Risiko von Fehlinterpretationen. Sollte Ihr Tonfall trotz aller Bemühungen dennoch missverstanden werden, können Sie darauf vertrauen, dass Sie alles für eine neutrale Tonalität getan haben – und dass die Ursache für das Missverständnis außerhalb Ihres Einflussbereichs liegt.